Nicht sicher, ob es möglicherweise Zeitverschwendung war, zu beobachten, wie der Baum vor meinem Fenster von totaler Kahlheit zu beeindruckendem Laubwerk kam, bin ich doch immer wieder beeindruckt von der Motivation, die Mutter Natur ausstrahlt. Jedes Jahr aufs Neue Blätter zu entwickeln, selbstlos und nur einer fraglichen Existenz wegen sie bis zum Herbst photosynthetisieren zu lassen, um dann, ausgelaugt und braun, alles wieder hinzuwerfen. Der Baum hat offenbar kein Problem damit, einfach nur da zu sein, was mich, der offensichtlich die Zeit hat über sowas nachzudenken, und damit mehr oder weniger beweist, auch einfach nur da zu sein, irgendwie beruhigt.
Wobei ich natürlich nicht einfach nur „da“ bin. Ich habe ja dann doch etwas höhere Ansprüche als ein Baum. Will ja nicht einfach nur an der Straße stehen und grün werden und Sauerstoff produzieren und irgendwann von der Stadt gegen eine Buchsbaumhecke oder so ausgetauscht werden. Wäre mir einerseits zu langweilig und würde mich andererseits auch zu sehr nerven. Vor allem donnerstags, wenn die Müllabfuhr ihren Kampf durch die engen, zugeparkten Straßen aufnimmt und jedes Mal ein paar der Äste und Blätter abreißt. So bin ich also froh, doch irgendwie Mensch zu sein und damit zwar nicht die Vorteile des bescheidenen Baumdaseins zu haben, aber eben Dinge tun kann, wie der Müllabfuhr aus dem Weg zu gehen oder ähnliches.
Erklärtes Ziel meines Menschseins sollte aber dennoch so etwas wie eine Baumexistenz sein. Also Kontinuität und Routine und einen Job, der mir eine Aufgabe gibt, die sich über die Jahre mehr oder weniger gleicht und die meine Existenz auf bestimmte Weise rechtfertigt. Und tatsächlich ist so etwas auch hinzubekommen, obwohl man fünf Jahre an einer Universität verbracht hat, die einen nicht wirklich zum Baum sondern wohl eher zu Klee oder so herangezogen hat. Also zu einer mehr oder weniger spontanen Existenz, die sich weder an Örtlichkeiten noch an Beständigkeit hält. Allerdings habe ich auch sehr wenig Ahnung von Klee, so dass ich nicht sagen kann, in wie fern mir das nicht vielleicht sogar einen Vorteil gegenüber dem Baum gibt.
Davon einmal abgesehen, geht es ja eigentlich auch nur um die Motivation. Und wenn Klee motiviert genug wäre, könnte es mit Sicherheit eine Kontinuität erschaffen, die, über den Rasenmäher-Wahn so manches Landschaftsgärtners hinaus, seine Existenz sichert. Und wenn Klee das hin bekommt, warum dann nicht auch jemand, der weder Klee noch Baum ist, und seine Motivation durch einen Blick aus dem Fenster erhält.
Nun kann es also sein, dass es doch keine Zeitverschwendung war, die Entstehung des Laubwerks zu beobachten. Schließlich geht es ja um den Einfluss auf die mentale Stärke einer solchen Beobachtung. Der Baum und seine stoische Ruhe, seine aufgrünende und gelassen, positive Einstellung zur Existenz an sich, kann doch nur ein Vorbild für alle und auch gerade für Studenten jeglicher Geisteswissenschaft sein. Ich werde jetzt nicht rauslaufen, den Baum umarmen und ihm überschwenglich für seine positive Ausstrahlung danken, dazu bin ich mir der Überflüssigkeit meiner Erkenntnis zu sehr bewusst, doch kann ich eine gewisse Wirkung auf mein Gemüt nicht abstreiten. Daher:
Danke, Baum.