Zustand # 14

Veröffentlicht am 8. Mai 2012 von S. T. Wo in Zustand
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Nicht sicher, ob es möglicherweise Zeitverschwendung war, zu beobachten, wie der Baum vor meinem Fenster von totaler Kahlheit zu beeindruckendem Laubwerk kam, bin ich doch immer wieder beeindruckt von der Motivation, die Mutter Natur ausstrahlt. Jedes Jahr aufs Neue Blätter zu entwickeln, selbstlos und nur einer fraglichen Existenz wegen sie bis zum Herbst photosynthetisieren  zu lassen, um dann, ausgelaugt und braun, alles wieder hinzuwerfen. Der Baum hat offenbar kein Problem damit, einfach nur da zu sein, was mich, der offensichtlich die Zeit hat über sowas nachzudenken, und damit mehr oder weniger beweist, auch einfach nur da zu sein, irgendwie beruhigt.

Wobei ich natürlich nicht einfach nur „da“ bin. Ich habe ja dann doch etwas höhere Ansprüche als ein Baum. Will ja nicht einfach nur an der Straße stehen und grün werden und Sauerstoff produzieren und irgendwann von der Stadt gegen eine Buchsbaumhecke oder so ausgetauscht werden. Wäre mir einerseits zu langweilig und würde mich andererseits auch zu sehr nerven. Vor allem donnerstags, wenn die Müllabfuhr ihren Kampf durch die engen, zugeparkten Straßen aufnimmt und jedes Mal ein paar der Äste und Blätter abreißt. So bin ich also froh, doch irgendwie Mensch zu sein und damit zwar nicht die Vorteile des bescheidenen Baumdaseins zu haben, aber eben Dinge tun kann, wie der Müllabfuhr aus dem Weg zu gehen oder ähnliches.

Erklärtes Ziel meines Menschseins sollte aber dennoch so etwas wie eine Baumexistenz sein. Also Kontinuität und Routine und einen Job, der mir eine Aufgabe gibt, die sich über die Jahre mehr oder weniger gleicht und die meine Existenz auf bestimmte Weise rechtfertigt. Und tatsächlich ist so etwas auch hinzubekommen, obwohl man fünf Jahre an einer Universität verbracht hat, die einen nicht wirklich zum Baum sondern wohl eher zu Klee oder so herangezogen hat. Also zu einer mehr oder weniger spontanen Existenz, die sich weder an Örtlichkeiten noch an Beständigkeit hält. Allerdings habe ich auch sehr wenig Ahnung von Klee, so dass ich nicht sagen kann, in wie fern mir das nicht vielleicht sogar einen Vorteil gegenüber dem Baum gibt.

Davon einmal abgesehen, geht es ja eigentlich auch nur um die Motivation. Und wenn Klee motiviert genug wäre, könnte es mit Sicherheit eine Kontinuität erschaffen, die, über den Rasenmäher-Wahn so manches Landschaftsgärtners hinaus, seine Existenz sichert. Und wenn Klee das hin bekommt, warum dann nicht auch jemand, der weder Klee noch Baum ist, und seine Motivation durch einen Blick aus dem Fenster erhält.

Nun kann es also sein, dass es doch keine Zeitverschwendung war, die Entstehung des Laubwerks zu beobachten. Schließlich geht es ja um den Einfluss auf die mentale Stärke einer solchen Beobachtung. Der Baum und seine stoische Ruhe, seine aufgrünende und gelassen, positive Einstellung zur Existenz an sich, kann doch nur ein Vorbild für alle und auch gerade für Studenten jeglicher Geisteswissenschaft sein. Ich werde jetzt nicht rauslaufen, den Baum umarmen und ihm überschwenglich für seine positive Ausstrahlung danken, dazu bin ich mir der Überflüssigkeit meiner Erkenntnis zu sehr bewusst, doch kann ich eine gewisse Wirkung auf mein Gemüt nicht abstreiten. Daher:

Danke, Baum.

Nachdem das Rohrpostsystem Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich nur noch innerhalb einzelner Gebäude verwendet wurde, war es für den einen oder anderen Beamten der Behörde höchst überraschend, als 2036 plötzlich ein menschliches Skelett auf dem New Yorker Broadway aus einem 2 Meter großen Rohrpost-Zylinder fiel. So gut wie jeder hat vergessen, dass 1981 eine transatlantische Rohrpostleitung gebaut worden war, die allerdings nur einmal benutzt wurde. Nämlich von dem leitenden Wissenschaftler dieser Anlage, der sich selbst, als Test, in einem Zylinder nach New Yorker verschickte. – Es schien nicht zu funktionieren und als 1981 auf der New Yorker Seite niemand mehr rauskam und keiner sich traute nachzusehen, wo denn der Wissenschaftler stecken geblieben war, beließ man es bei diesem Kollateral-Schaden und versiegelte die Anlage. Gute fünfzig Jahre später schoss also dieser Wissenschaftler, mittlerweile verschieden, aus der Anlage heraus und verursachte gleichzeitig einen weltweiten Kurzschluss, der einen siebeneinhalb minütigen Stromausfall zur Folge hatte. Wie ein Druckluft-System einen Stromausfall verursachen konnte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Doch war dies nunmal der Grund, warum ich nicht in Riga, sondern an der Hauptkasse einer ehemaligen Kaufhof-Filiale in Hum (Kroatien) auftauchte.

Die Stadt begann spontan ein Fest zu organisieren. Denn eine alte Prophezeiung der Schrift Glagoliza besagt, dass mit jeder dritten Sonnenwende die Chance auf das Erscheinen des Verkünders besteht, was just in diesem Augenblick der Fall war, als ich dem Zylinder entstieg. Neben großer Verwunderung machte sich also schnell Euphorie breit und ich musste neben einem Stier oder Kuh, jedenfalls neben einem Tier mit gewaltigen Hörnern für ein Foto posieren. Ohne ein Wort kroatisch zu verstehen oder zu sprechen, musste ich den Bewohnern klarmachen, dass ich nicht der Verkünder war und höchstens verkünden könnte, dass ein Krieg drohe und ich mich so schnell wie möglich nach R… und seinem Hafen begeben müsste. – Lächeln und Nicken war das einzige, was ich in Erfahrung bringen konnte.

Ein kleiner Junge kam schließlich herbei geradelt und zeigte mir sein IPad, dass nach der Pleite von Apple im Jahr 2028 rund um das Mittelmeer für ein bis zwei Euro zu haben war. Schnell fand ich heraus, dass es nur 55 Kilometer bis zur Küste waren. Ich schnappte mir also das BMX des Jungen und verließ Hum ohne mich noch einmal umzusehen. – Das war nicht sehr höflich und eigentlich war ich auch anders erzogen worden. Doch manchmal heiligt der Zweck die Mittel und ich musste einfach so schnell es ging nach R… was meiner Meinung nach immer noch Riga sein musste. Wie falsch ich lag, war damals eigentlich schon klar. Doch bewusste Verdrängung gehörte damals zum Standard-Repertoire eines jeden Spions.

An der Küste fand ich ein kleines Fischerdörfchen. Ein alter Mann kaute an einem Klumpen Kautabak und kniff die Augen zusammen, als ich mich ihm näherte. „ono što želite?“, fragte er, kaum zu verstehen mit dem ganzen Taback im Mund. Ich zeigte auf sein Boot und er wies mir mit seinem Kopf, ich solle reinspringen. „San Marco!“, schrie er mir ins Ohr und setzt die Segel. Ich nahm mein Notizbuch raus und fing an meine Erlebnisse aufzuzeichnen.

Von der Cholera ahnte ich noch nichts.

Der Sinn des Lebens # 33

Veröffentlicht am 2. Mai 2012 von pepelle in Der Sinn des Lebens
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Die Erwartungen waren natürlich groß, auf beiden Seiten. Mein Statthalter war vor Vorfreude ganz nass geschwitzt und brabbelte wirr vor sich hin. Nachdem ich den überwältigten Mann umarmt hatte, nahm mich allerdings ein Mitarbeiter zur Seite und erklärte mir die traurigen Umstände seiner Nässe. Er hatte sich dumm gesoffen und dann einen Schlag auf den Kopf bekommen. Die Ärzte sagten wohl, dass er nur noch im Autopilot laufen würde und eigentlich nicht mehr in der Lage war Informationen aufzunehmen, geschweige denn zu verarbeiten. Auf meine harmlose Nachfrage, warum er dann hier sei, wurde mir mitgeteilt, dass, gemäß der strengen Vorgaben, die ich bevor ich untertauchte gemacht hatte, er der Statthalter ist und unter keinen Umständen abgelöst werden darf. Was sollte ich mich darüber ärgern? Ich wusste schon seit einiger Zeit, dass ich mit dem starren Gehorsam der Behörde ein Monster geschaffen hatte, welches durch seine verquere innere Logik von aussen nicht mehr kontrollieren ließ. In diesem Moment war mir jedoch jede Sicherheit abhanden gekommen, ob ich noch drinnen oder schon draußen sei.

Wir gingen in den Konferenzraum und rauchten. Die Oberlehrer (so hiess die Stufe direkt unter dem Großmeister) saßen um mich herum und warteten gespannt und voller Vorfreude. Ich ließ sie warten, denn meine Freude hatte sich schon weitgehend erschöpft. Sofort fiel mir ein, warum ich die Behörde vor Jahren verlassen hatte: Ich bin kein Dompteur, aber genau das musste ich hier sein. Dann fiel mir aber auch wieder ein, warum ich die Behörde nicht auflösen konnte: Ein Monster dieser Art kann man nicht auflösen, sondern bestenfalls dressieren. Hätte ich sie auflösen wollen, wäre aus ihr etwas einmalig grauenhaftes geworden, etwas was noch viel schlimmer wäre, als was die Behörde jetzt ist. Das Morden würde ausser Kontrolle geraten, kleiner versteckter Einfluss wird zur offenen Macht, es wäre ein Blutbad. Deshalb sollte sie schlafen, bis ich wiederkomme und weiss, was ich mit ihr machen soll.

Wir rauchen also: als ihre Ungeduld zu groß wird, bitte ich die letzten Jahre knapp und präzise zusammenzufassen. Da hiervon keinerlei Interessante Neuigkeiten zu erwarten sind, denke ich ein wenig über meine Gemütslage nach; eigentlich will ich gar nicht hier sein. Ich habe nicht sehr viel Lust mir über die Zukunft der Welt Gedanken zu machen oder in den Krieg zu ziehen oder überhaupt irgendetwas zu tun. Die beste Lösung wäre, wenn wir alle nett zueinander wären. Oder alles, was seit der Jahrtausendwende passiert ist, vergessen. Dann würde ich auch wieder mehr zum Ping-Pong spielen kommen. Vor allem meine Rückhand leidet ungemein, wenn ich nicht regelmäßig trainiere. Noch vor nicht allzu langer Zeit haben sie meine Rückhand bis nach Peking nur im Flüsterton in den Mund genommen, aber jetzt? Aus diesen Gedanken werde ich jäh gerissen, als ein Schreier (in der internen Hierarchie zwischen Magistern und Schützen) hereinkommt und schreit.

„Die Nikki hat angegriffen, der Krieg ist endlich da!“

Der Sinn des Lebens # 34

Der Sinn des Lebens # 32

Veröffentlicht am 13. April 2012 von S. T. Wo in Der Sinn des Lebens
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Allen Gefahren zum Trotz nahm ich Platz in dem 25 Meter hohen Belagerungsturm. Kriegstechnisch gesehen, war diese Position natürlich nicht so schlau, konnte mich doch jeder sofort erkennen und dementsprechend auch gut abschießen. Doch der dunkelviolette Nikkibezug des Turmes bot mir den nötigen Schutz. Zur Sicherheit setzte ich mir auch noch eine Nikki-Mütze auf, so dass auch mein Kopf von herumfliegenden Geschossen geschützt war. – Die Stadt war nicht wiederzuerkennen. Ich hatte eine gute Rundumsicht und konnte so das Ausmaß der Zerstörung gut einschätzen. Und es war erschütternd.

Vor der unglaublich riesigen Nikki-Armee türmten sich die Trümmer. Die Kampfhandlungen hatten aufgehört. Nur vereinzelt waren Soldaten der Behörde zu sehen. – Mir war immer noch ein Rätsel, warum das alles überhaupt passiert war. Auch die Mission von Fürst Myschkin und seiner Armee hatte mir noch niemand erklärt. Aber da er gegen die Behörde kämpfte und ich ein erklärter Feind der Behörde war, sollte es mir recht sein.

In letzter Zeit war mir vieles Recht geworden. Ich hatte aufgehört zu fragen. Würde ich meinem Erzfeind begegnen? Es war mir egal. Würden wir, wenn wir uns begegneten, in einem großen Showdown allem ein Ende bereiten? Vielleicht. – Vielleicht würden wir aber auch einfach im Kavarna Slavia sitzen, den alten, verbotenen Dichtern zuhören und auf den dritten Mann warten, damit endlich die Skatrunde vollständig wäre. Denn eigentlich hatte ich keine Lust mehr, mich um die Welt und ihre Unzulänglichkeiten zu kümmern. Musste denn immer alles auf SchnickSchnackSchnuck hinauslaufen? Konnten wir nicht einfach alle unsere Förmchen und Eimerchen teilen und in Ruhe und Frieden eine Apfelschorle nach der anderen am Strand der Ostsee genießen?

Ich schüttelte das alberne Hippiegewäsch schnell ab, um wieder zum Tagesgeschäft zu kommen. Der Eroberungsturm hatte den Wenzelsplatz erreicht, doch es war keine Wurstbude zu sehen. Ich erschrak. Wenn die Wurstbuden fort waren, konnte es nicht mehr lange dauern. – Irgendwo am Horizont sah ich Fürst Myschkin in seinem dunkelvioletten, nikkibezogenen Geländewagen durch die Trümmer kreuzen. Wie immer zeigte sein Gesicht Entschlossenheit. Warum auch nicht. Hatte er sich doch dazu entschlossen im Nikki-Anzug in den Krieg zu ziehen, nur um festzustellen, dass der Krieg schon lange vorbei war. Kämpfe waren nicht mehr nötig. Umso größer war meine Verwunderung, als mich ein Geschoss von den Füßen hub und auf das Pflaster warf. Ein Gummiball, ganz offensichtlich von den On-Board-Kanonen eines stürzenden Jetpacks abgefeuert. Es musste aus einem Jetpack Baujahr 2019 sein, da nur diese Modelle Gummibälle während des Absturzes abfeuerten. – Ich befühlte den Ball und wusste sofort, dass ich einen Schritt zurück lag. Mein vermeintlicher Vorsprung war passé. Dank meines messerscharfen Verstandes war mir aber gleichzeitig auch klar, dass nach Prag nur noch eine Stadt in Frage kam, nur eine Möglichkeit zum Sieg, nur ein Ort für eine gewaltige Rückeroberung: Riga. – Ich wusste von dem unterirdischen Rohrpostsystem. Und ich hatte ganz klare und absolut zuverlässige Informationen, dass die Behörde ihr Hauptquartier in Riga aufgeschlagen hatte. Eine Stadt mit „R“. Ein weltberühmter Hafen. Es konnte nur Riga sein.

Ohne zu zögern kaufte ich mir ein lettisches Wörterbuch.

Der Sinn des Lebens # 33

Der Sinn des Lebens # 31

Veröffentlicht am 8. April 2012 von pepelle in Der Sinn des Lebens
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Immer noch sprachlos blickte ich aus ca. 150 Meter Höhe auf die Stadt, die im Begriff war alles, was sie zu einer Stadt macht, zu verlieren: Gebäude, Straßen, Menschen und so fort. Ich flog den Fluss ein wenig Richtung Norden und sah, dass ausnahmslos alle Brücken zerstört waren und das ehemalige Regierungsviertel am Westufer vor der Biege der Moldau nur noch rauchende Trümmerhaufen waren. Einzig das Palais Lobkowiz konnte ich noch erkennen, mit seinem albernen Balkon. Andererseits konnte ich auch vorher nur wenige Gebäude Prags aus der Luft unterscheiden… Dann summte ich ich ein paar Tackte der sinfonischen Dichtung „Die Moldau“, aus dem Teil, in dem die Wasserjungfern im Mondschein tanzen. Dann stellte ich mir vor, wie ein paar andere Fraün im Mondschein tanzen würden. Diese Gedanken führten aber zu gar nichts und waren auch höchst gefährlich, da ich immer noch mit dem Jetpack über Prag flog. Falls ich vergessen haben sollte es zu erwähnen, was ich mir kaum vorstellen kann, ich trug seit einiger Zeit zu meiner eigenen Sicherheit ein Jetpack unter meiner Kleidung. Aus naheliegenden Gründen nutzte ich diesen, als ich mich nach einem Verdauungschlaf unerwarteterweise mitten in einem Kriegsgebiet wiederfand.

Der Jetpack war mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen. Ich kaufte ihn mir 2019, auf einer geheimen Spionagemesse. Leider machen sie heute diese Jetpacks nicht mehr, ich hatte wirklich Glück mir damals eins geben zu lassen. Zwei Jahre später machte ich eine Jetpackreise und hätte mich einige Male fast umgebracht mit Gedanken an Dinge, die nicht mit dem Fliegen zu tun haben. Es erfordert viel Können und Erfahrung im Jetpack fahren um sich aus schweren Rücklagen oder Linksverkippungen zu befreien. Aber wie gesagt war ich erfahren genug und stürzte nicht ab, weil ich an Frauen dachte, die sich beim Mondschein in der Moldau mit Wasser nass machen.

Statt unkontrolliert in den Tod zu fallen, landete ich kontrolliert und butterweich in Brnky, ein paar Flugminuten nördlich vom Palais. Ich landete hier, weil die Behörde hier eine Station des geheimen, inter-europäischen Rohrpostsytems hatte. Dieses System war so ausgefeilt, dass man sogar Personen damit verschicken konnte. Es war nicht bequem, aber viel schneller als Bahn oder Tram. Von Prag nach Rotterdam, zum Exekutiv-Büro der Behörde, dauert es damit nicht mal eine Stunde. Ich lasse mich lieber mit den Füßen vorraus verschiessen, denn sonst kommt mir beim bremsen am Ende immer das Essen hoch. Aber das ist Geschmacksache. Ich traf einen Mitarbeiter niederen Ranges, der mich erfurchtsvoll ansah und salutierte. „Welch Ehre, dass sie gerade hier aus dem Untergrund zurück kommen, Großmeister!“ Ich freute mich über die Komplimente, hatte aber keine Zeit mir noch mehr davon anzuhören. „Ins Hauptquartier, Bursche“, schrie ich ihn an, als ich in das nächste freie Rohr sprang, „echt jetzt, Junge.“

Er schoss mich ab. Ich merkte, dass ich diese Art des Reisens nicht mehr gewöhnt war, denn mir wurde schlecht. Dann ging es aber wieder ein bißchen besser. Ich machte mir Gedanken, was ich sagen würde, wenn ich in Rotterdam aussteigen würde. Keine einfache Angelegenheit, waren die Erwartungen doch wahrscheinlich groß, wenn der Chef nach 9 Jahren Untergrund zurück kommt um das Kommando erneut zu übernehmen.

„Hallo“, vielleicht.

Der Sinn des Lebens # 32

Der Sinn des Lebens # 30

Veröffentlicht am 3. April 2012 von S. T. Wo in Der Sinn des Lebens
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Am Fußende des Ohrensessels zog ich mir mein T-Shirt über die Knie. Im Rutschen war mir die Hose heruntergerutscht und verlorengegangen. Ich wollte nicht, dass vorbeiziehende Nikki-Anzugträger das schlüpfrige Tattoo auf meinem Hintern lesen konnten, daher das langgezogene T-Shirt. – In dem Ohrensessel saß Fürst Myschkin und grüßte jovial, jeden der vorbeihuschte. Es herrschte absolute Ruhe. Nur ab und zu wurden die Anfangstakte von Beethovens 5ter auf einer Harfe improvisiert, die jemand neben den Sessel gestellt hatte, so dass irgendein Passant kurz darauf spielen konnte. Ich wunderte mich noch über die ungewöhnliche Farbe der Harfe – eine Harfe in dieser Farbe hatte ich wirklich noch nie zu Gesicht bekommen – als mir endlich eine Trainingshose zugeworfen wurde.

Fürst Myschkin fossierte Ruhe. Alles war ruhig. Niemand sprach. Niemand machte auch nur das kleinste Geräusch beim Gehen. Und niemand sah mich oder den Fürsten an. Mittlerweile waren viele Stunden vergangen. Das glaube ich zumindest. Mein Handyakku war schon seit einiger Zeit leer und eine Uhr hing nirgendwo an der Wand. Und selbst wenn, hätte ich sie von meinem Platz aus nicht sehen können, da der Ohrensessel in der Mitte einer großen, mit weißem Marmor verkleideten Halle stand, die mindestens die Ausmaße von 18 Fußballfeldern hatte. Die Wände waren dementsprechend weit weg und die Decke konnte ich gar nicht sehen. So hoch war die Halle. – Alles war hell erleuchtet. Und so war der dunkelbraune, leicht abgewetzte Ohrensessel eher fehl in dieser riesigen, hellen, weißen Halle.

Immer noch sitzend, jetzt aber mit Hosen, sah ich abwechselnd zu dem Fürsten und den Passanten hinauf. Jeder trug einen dunkel-violetten Nikkianzug, wobei nur der Fürst den goldenen Tiger auf dem Rücken hatte. Offenbar wurde ich nur wegen des Fürsten-Schutz in der Halle geduldet. Die unendlich lange Menschenschlange, die im Gleichschritt an uns vorüber marschierte, kam immer mal wieder einen Schritt auf mich zu, um mich zu treten oder so. Fürst Myschkin blickte aber nur fest auf mich, sagte dann „Maria!“ und die Reihe nahm wieder Abstand. – Ich bekam langsam Hunger und tat es auch kund, doch der Fürst reagierte nicht darauf. Wein und Käse gab es nicht mehr. Nur Licht, weißen Marmor, Nikki und den Ohrensessel. – Ich fühlte mich ungewöhnlich wohl, auch wegen des Hungers.

Meine Beine schliefen ein. Doch war das kein unangenehmes Gefühl. Der Hunger hatte sich verstärkt. Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen und ein Krampf in der linken Wade waren die Folge. Ich fühlte mich blendend. Was war hier los? Jedes Gefühl, das mir in der Vergangenheit irgendwie als schädlich in Erinnerung war, wurde mir hier zum angenehmen Erlebnis. Ich blickte, den Fürsten fragend an. – „Ja“, sagte der, „hier ist alles gut. Hier regiert der Nikki. Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Sobald wir auch aus dem Tod nur noch positive Gefühle ziehen können, werden wir hinaus gehen. Hinaus, vor die Tore der Halle und kämpfen.“ – Offenbar machte ich einen verblüfften Eindruck. Musste denn gekämpft werden? Anstatt zu antworten, zeigte er auf einen riesigen Panzer, der mit dunkel-violettem Nikki bezogen, in die Halle gefahren kam.

„Die Behörde muss zerstört werden!“

Der Sinn des Lebens # 31

gibbelig

Veröffentlicht am 2. April 2012 von S. T. Wo in gibbelig
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Eigentlich wundere ich mich gar nicht darüber, dass ein Entenehepaar vor der Pizzeria an der Ecke lebt. – Eigentlich.

 

Der Sinn des Lebens #29

Veröffentlicht am 29. März 2012 von pepelle in Der Sinn des Lebens
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Körper, überall Körper. Es dauerte nur Sekunden, da hatten die Brigaden die Hälfte der Gäste des Tulip durchlöchert. Ich versteckte mich indem ich den to-your-heart Mann und den Anhalter über mich zog, beide wurden als eine der ersten getroffen. Dummerweise lag mein Kopf genau unter den Füßen des Anhalters, weshalb mein Gesicht jetzt fast in meinem eigenen Erbrochenen lag. Diese Erfahrung war nur in der Hinsicht neu, dass ich nicht betrunken war. Scheiße war sie trotzdem.Während dessen blutete der to-your-heart Mann in meinen Schritt. Das war zuerst nur warm und nass, wurde aber in Windeseile sehr klebrig und echt nicht schön. Ich hoffte, dass die Brigaden nur den Laden brandschatzen wollten, aber ohne den Brand, und so bald wieder weg sein würden. Die Hoffnung zerschlug sich, sehr zu meiner freudigen Überraschung, nicht. Sobald sie weg waren ging ich in den Raum hinter der Theke um mich zu verstecken und zu überlegen, was nun am besten zu tun sei. Ich aß eine Kleinigkeit, die ich dort fand: Bockwurst mit Senf, Himbeerpudding, ein Spiegelei mit backed beans, dazu etwas Wasser und Bier, dann Portwein, ein Steak tartare mit Rosenkohl und schliesslich ein Stück Kuchen mit Kaffee Liqueur und einer Zigarrette. Dann fiel ich in einen tiefen Schlaf, der, wie sich später herausstellte, satte 19 Stunden währte.

Ich wachte auf, war blutverkrustet und stank nach allem, wonach ein Mensch nicht riechen will. Anscheinend wurde der Laden mehrfach geplündert seitdem ich eingeschlafen war. Ich auch. Die Kleidung hatten sie mir aus offensichtlichen Gründen gelassen, aber alle Taschen waren leer, ebenso war der Koffer des Anhalters verschwunden. Ich fluchte. Und dann nochmal, sehr laut. Ich wusste, ich musste sofort hier raus, um der Behörde Bericht zu erstatten und Dinge zu planen, Gegenmaßnahmen zu treffen und mich umzuziehen. Neuer Pass, neuer Name, neue Kleidung und so weiter. Es würde ein langer Tag werden. Ich wollte auf der Straße nicht auffallen, deshalb riss ich irgendwo ein Stück Stoff ab und versuchte mit ein wenig Wasser mein Gesicht und meine Hände zu säubern. Die Wasserversorgung war aber nicht mehr da, deshalb nahm ich ein bisschen Spucke. Scheißidee, denn im Endeffekt verteilte ich das Blut nur gleichmäßig auf meiner Haut. Ich dachte, mit viel Glück könnte das als Sonnenbrand durchgehen, deshalb riss ich mir die Ärmel meines Hemdes ab um wie ein Englischer Tourist auszusehen. Klappte nicht, ich sah aus wie ein irrer Massenmörder. Aber die Zeit drängte, ich musste raus und zurück.

Als ich auf die Strasse kam, war ich überrascht, dass mich keiner sonderlich beachtete. Noch mehr erstaunte mich aber, der Grund dafür: Die meisten hier waren mit Blut beschmiert, trugen Waffen und rannten in eine Richtung auf einen Panzer zu. Ich drehte mich um: Noch ein Panzer und kleine Artellerie-Fahrzeuge, aber andere. Es schien als wäre Millitär aus ganz Europa hier versammelt (wie kamen die bloß alle so schnell hierhin?) um mal so richtig Stunk zu machen. Und das machten sie auch; der Großteil der Stadt war bereits zerstört, der Rest brannte gerade. Ich konnte es nicht fassen, breitete meine Arme aus und schrie zum Himmel! So habe ich den Beginn des Krieges erlebt.

Der Sinn des Lebens # 30

In der Straßenbahn (Part 2)

Veröffentlicht am 25. März 2012 von S. T. Wo in Teil 2
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Die Frau neben ihm musste niesen. So stark, dass ihre winzig kleine Brille von ihrer Nase flog und nun an der dünnen Goldkette um ihren Hals hing. Er rutschte, von dem Niesgeräusch aufgeschreckt, einen Platz weiter. Die nächste Haltestelle war allerdings immer noch nicht seine. Die Aufmerksamkeit, die er mit dem Platzwechsel auf sich gezogen hatte, musste er also nun aushalten. – Ein 12jähriges Zwillingspärchen fing auch sogleich an zu kichern. Wobei der alte Mann im Fond nur kurz seinen Kopf vom Fenster in seine Richtung drehte. Vielleicht wäre es angebracht die Bahn zu verlassen? Auch auf die Gefahr hin, nicht pünktlich am vereinbarten Treffpunkt zu sein? Er überlegte kurz, ob er aufstehen und sich an einer der Haltegriffe festhalten sollte; sozusagen als Ablenkungsmanöver. Er entschied jedoch dagegen und verkroch sich in seinem Mantelkragen.

Vorsichtig kramte er seine Fahrkarte hervor. Sie war schon fast durchgerissen, so sehr hatte er sie in der Tasche umklammert. Auf allen Schildern stand, dass es 40 Euro kosten würde, wenn man keine gültige Fahrkarte besaß. Er wusste nicht warum. Konnte noch nicht einmal ansatzweise die Logik dahinter erkennen. Aber die Vorstellung von einem Kontrolleur nach dem Ticket gefragt zu werden, es nicht zu finden, 40 Euro zu bezahlen und den Blicken der anderen Fahrgäste ausgesetzt zu sein, riefen ihm Schweißperlen auf die Stirn. Jetzt wo er das zerdrückte Stück Papier verstohlen in seiner Hand betrachtete, bekam er erneute Panik. Der Kontrolleur könnte sie als ungültig bezeichnen. Vielleicht würde er den Stempel nicht lesen können, diese kryptische Anordnung von Zahlen, die offenbar genau anzeigten, wo er eingestiegen war. – Er verstand die Fahrkarte nicht, weder ihre Funktion noch den Stempel auf ihr, noch warum er eine Straftat begehen würde, wenn er dieses kleine Ding nicht dabei hätte. Das Zwillingspärchen kicherte schon wieder. Langsam wurde er immer nervöser.

Aus den Lautsprechern sprach eine Stimme. Die nächste Haltestelle war immer noch nicht seine. Wie lange dauerte es noch? Warum war die Frau mit der kleinen Brille, der Goldkette und dem Niesreiz einen Platz aufgerutscht? Sie saß jetzt wieder direkt neben ihm. War ihr Sitz durch das Niesen kaputt gegangen? Oder durfte man keinen Sitz auslassen? Kostete das auch 40 Euro? Musste er dafür etwa auch ein Ticket kaufen und es abstempeln? Die Zwillinge lachten jetzt ganz offensichtlich über ihn. Sie zeigten mit dem Finger und lachten. Der alte Mann hatte das Fenster nun gar nicht mehr im Blick und starrte direkt in seine Richtung. Die schweißnassen Hände durchweichten die Fahrkarte. Die Bahn hielt. –  Ein Fahrkarten-Kontrolleur stieg ein.

Panik. Er sprang auf und ging, sichtlich um Ruhe bemüht, in den vorderen Teil, direkt hinter die Fahrerkabine. Der Kontrolleur war hinten eingestiegen und kontrollierte zuerst den alten Mann. Mit ruhiger Miene und einem fast nur angedeuteten Nicken bestätigte er die Gültigkeit des Tickets. Die Frau kramte schon in ihrer Handtasche, seitdem der Kontrolleur in der Bahn war. Sie kramte und kramte. Und kramte weiter. Der Kontrolleur stand vor ihr, blickte abwechselnd auf sie und auf sein elektronisches Kontrolliergerät. Die Frau sprach mehr zu sich selbst, als zu dem Kontrolleur, als sie versicherte ihren Monatsausweis doch irgendwo zu haben. Sie wisse ganz genau, dass sie ihn heute Morgen eingesteckt hatte. Der Kontrolleur blieb regungslos. Nur ein kurzer Blick streifte die Zwillinge, die keine Andeutung machten, den Kontrolleur überhaupt bemerkt zu haben. Sie kicherten. Schließlich fand die Frau ihr Ticket und aus dem Lautsprecher kam endlich die erlösende Ansage. – Im vorderen Teil hatte er sich mittlerweile ganz in die Ecke gedrückt und war bereit, sein fast vollständig aufgelöstes Ticket in die Faust geklemmt, hinaus zu springen, sobald die Tür sich öffnete. In die Freiheit. Seine Augen brannten. Der Schweiß rann ihm von der Stirn unter die Lider. Er konnte kaum sehen, wie der Kontrolleur ein wenig schwankend auf die Zwillinge zuging. Die hatten ihn immer noch nicht bemerkt; oder taten zumindest so. Er räusperte sich und ohne ihr Kichern zu unterbrechen zogen sie beide gleichzeitig einen identisch aussehenden Schülerausweis hervor. Der Kontrolleur war zufrieden. – Er steuerte nun auf den vorderen Teil des Wagens zu.

Angst. Panik. Die Haare klebten ihm auf der Stirn. In der Ferne konnte man schon die Haltestelle sehen. Nur noch ein kleines Stück. Aber es würde nicht reichen. Das wusste er. Er war geliefert. Der Kontrolleur stand nun direkt vor ihm. Der Kontrolleur sagte nichts. Der Kontrolleur brauchte auch nichts zu sagen. Die obskure Autorität, die er ausstrahlte, ließ keinen Zweifel daran, dass er bekommen würde, was er haben wollte.  – Die Hände zitterten. Die Knie schlackerten. Selbst wenn er gewollt hätte; fliehen konnte er nicht. Die Angst, nur in der Unfähigkeit begründet, zu verstehen, was es mit diesem Ticket und diesem seltsamen Mann in Uniform auf sich hat, ließ ihn starr werden. Mit letzter Kraft überreichte er dem Kontrolleur sein Ticket. – Ein kurzer Blick, die Tür ging auf. Der Kontrolleur gab es ihm zurück, nickte, stieg aus.

Er fiel aus der Bahn. Der Bürgersteig war von der Sonne ganz warm. Das war das einzige, was Sinn machte. Was logisch war. – Vor ihm positionierten sich abgetretene braune Schuhe. Sie gehörten einem gutaussehenden Mann. Der blickte auf ihn herunter und lachte. Er lachte ihn aus und fragte ihn, was er denn erwartet hatte? Natürlich würde von jetzt an, jede Bahnfahrt so enden; und nicht nur das, auch der Einkauf an der Supermarktkasse, das Telefonat mit einer Servicehotline oder das Gespräch am Kundenschalter der Post würden von jetzt an für immer unlogische, sinnlose dafür ums angsteinflößendere Situationen sein. Er selbst hatte es so gewollt. – Blinzelnd blickte er vom Boden dem gutaussehenden Mann ins Gesicht. Der lachte noch einmal und ging, genau wie die anderen Passanten lachten und gingen. – Er verstand aber noch immer nicht.

 

Teil 2 (Part 1)

Veröffentlicht am 25. März 2012 von S. T. Wo in Teil 2
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Halt, Stopp! Ich habe eine Idee. Wie wäre es, wenn man nur einen zweiten Teil schreiben würde? Wie wäre es, wenn vor einem ersten Teil, immer erst der zweite kommen würde? Oder noch besser: vielleicht sogar niemals ein erster Teil? Würde die Welt damit zurecht kommen? Würden zu viele Fragen entstehen? Würde das Verlangen auf Antworten die Menschen in die Irre führen? – Wenn ja, gut so; wenn nicht, auch egal. Wie so vieles, was eigentlich egal ist und auch egal bleiben soll…